fair sorgen! Steiermark und Peripherie – Institut für praxisorientierte Genderforschung

waren am 9. November 2023 gemeinsam mit dem Graz Museum Gastgeberinnen für die Auftaktveranstaltung der Veranstaltungsreihe „ARM & REICH im Fokus von Care-Arbeit“:

„ARM DRAN – Lücken und Handlungsbedarf in Graz“

Sieben Expertinnen aus Praxis und Theorie diskutierten an diesem Abend gemeinsam mit über 70 Teilnehmer*innen, wie essentiell Care-Arbeit in unterschiedlichen Bereichen ist, und wie es jenen, die Sorgearbeit leisten, in beruflichen und privaten Kontexten dabei ergehe bzw. was in den Strukturen verändert werden muss, um Benachteiligungen entgegenzuwirken.

Eröffnet wurde die Veranstaltungsreihe durch die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr sowie die Direktorin des Graz Museums Sibylle Dienesch. Elke Kahr wies auf die Dringlichkeit des Themas Care-Arbeit und Armut hin. Sie habe als Stadtregierungsmitglied zuständig für Soziales und für Frauen viel mit betroffenen Frauen zu tun, und das nicht erst jetzt in ihrer Zeit als Bürgermeisterin, sondern auch schon früher als Gemeinderätin, wo sie sich bereits besonders stark für leistbares Wohnen eingesetzt hatte. Aktuell in Zeiten einer hohen Inflation, verlieren viele Frauen ihre Rücklagen und rutschen in die Armut, da sie zumeist ein geringes Einkommen haben.
Sibylle Dienesch betonte, wie gerne das Graz Museum Gastgeber ist, da das Thema der Veranstaltung sehr gut in ihre Zielsetzungen, das Graz Museum weiter zu öffnen und den Schwerpunkt auf gesellschafts- und soziokulturelle Aspekte zu legen, passe.

Dem Motto der Veranstaltung „ARM DRAN – Lücken und Handlungsbedarf in Graz“ entsprechend wurden folgende Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet: Wer ist besonders von Armut betroffen? Was sind die Armutsfallen? Warum trifft es besonders Frauen? Was fehlt an Infrastruktur oder gesetzlichen Regelungen? Und wie müsste das Sozialsystem verändert werden, um mehr auf Care-Aspekte einzugehen?

Daniela Brodesser als Armutsaktivistin und Autorin beschrieb zu Beginn der Podiumsdiskussion sehr eindringlich ihre Erfahrungen als Sprachrohr für von Armut Betroffenen, welche Situationen für sie selbst besonders schwierig waren, und wie sie aus dem Gefühl der Beschämung herauskam.
Marianne Hammani-Birnstingl, die Geschäftsführerin des Vereins Danaida, berichtete, welche besondere Situation Migrantinnen vorfinden und welche Unterstützung sie bräuchten. Sie ging auch auf die Situation der Frauen ein, die als 24 Stunden-Betreuerinnen nach Österreich kommen und jenen, die derzeit als Personal für Krankenhäuser und Pflegeinstitutionen angeworben werden.
Barbara Pessl, die als Sozialarbeiterin in der Marienambulanz der Caritas tätig ist, klärte unter anderem darüber auf, dass nur ein Drittel ihrer Patient*innen keine Krankenversicherung besitzt, während für die anderen zwei Drittel einfach das allgemeine Gesundheitssystem zu hochschwellig ist und sie aus diesem Grund die Marienambulanz aufsuchen.
Barbara Scherer schilderte als Juristin aufgrund ihrer langen Erfahrung in der Rechtsberatung des Vereins Frauenservice Graz, einige der problematischen Regelungen im Feld des Familienrechts, die für viele Frauen – zum Beispiel nach einer Scheidung – enorme Hürden darstellen. So müssen Frauen, die für ihre Kinder einen Unterhaltsvorschuss beantragen, meist mindestens ein halbes Jahr warten bis dieser genehmigt wird und somit den Unterhalt für das Kind selbst bevorschussen.
Isabella Holzmann legte den Schwerpunkt ihres Beitrags als stellvertretende Vorsitzende des Armutsnetzwerkes Steiermark auf den Aspekt der ungerechten Verteilung von Vermögen und die Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern in diesem Bereich. Sie stellte auch den Kulturpass vor, der im Rahmen der Initiative Hunger auf Kunst & Kultur jenen Menschen einen Zugang zu kulturellen Angeboten ermöglicht, der ihnen ansonsten aus finanziellen Gründen verwehrt wäre.
Doris Kapeller von fair sorgen! Steiermark und Peripherie beschrieb als Soziologin die unentgeltliche Care-Arbeit im Privaten, die hauptsächlich von Frauen verrichtet wird, und wie sie sich auf Benachteiligungen auswirkt. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass unser derzeitiges Wirtschaftssystem auf der unentgeltlichen Sorgearbeit der Frauen aufbaut und ohne diese nicht überleben würde.
Bürgermeisterin Elke Kahr legte besonderen Wert auf die Bedingungen und Veränderungen für armutsgefährdete Frauen innerhalb der Stadt Graz. Wichtig sei ihr dabei, dass die Stadt als Dienstleisterin agiere und allen Menschen gleichermaßen den Zugang zu städtischen Leistungen sichere. Armutsbetroffene wurden oft im Kreis geschickt, bis sie die notwendigen Informationen erhalten. Die Stadt Graz ist auf dem Weg, diese Situation zu verändern, z.B. durch eine zentrale Anlaufstelle für soziale Fragen.

In der Diskussion mit dem Publikum standen die Veränderungsmöglichkeiten im Mittelpunkt: Wie kann die Care-Arbeit solidarisch zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden? Als Beispiel für Strukturen, die diesen Prozess beschleunigen können, wurden Karenzregelungen genannt, die beide Eltern gleichermaßen in die Pflicht nehmen. Ebenso wie der Ausbau von qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungseinrichtungen, deren Öffnungszeiten eine Erwerbsarbeit in Vollzeit ermöglichen. Aber auch Veränderungen bei der 24 Stundenbetreuung wurden eingefordert.

Während des abschließenden Buffets auf Einladung des Bürgermeisterinnenamtes der Stadt Graz wurde noch lange und intensiv weiterdiskutiert und genetzwerkt.

Ein großer Dank gilt all jenen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben!

Die umfangreiche Veranstaltungsreihe ARM & REICH im Fokus von Care-Arbeit läuft noch bis Juni 2024. An den einzelnen Abenden werden ausgewiesene Expert*innen verschiedenste Facetten der aktuellen Problemlagen zum Themenschwerpunkt der Reihe sowie Lösungsmöglichkeiten ausleuchten.

Das Gesamtprogramm der Reihe findest du hier.

Ein paar Eindrücke vom Auftaktabend:

Fotocredits: Sigrid Schönfelder
(bis auf die Fotos Nr. 2, 8, 13 und 17 – Reihenfolge beim Durchscrollen)