Sommerstudientagung der Katholischen Frauenbewegung Österreichs debattiert „Corona als Prüfstein für Geschlechtergerechtigkeit und Systemwandel“

[Wien, 19.7.2021, PA] Geschlechtergleichstellung und Klimagerechtigkeit sind für die Katholische Frauenbewegung Österreichs unabdingbare Voraussetzungen für ein „gutes Leben für alle“, das es „nach Corona“ entschiedener denn je anzustreben gelte: „Wir können nicht einfach zurück zu dem, was ‚vor Corona‘ war“, so Angelika Ritter-Grepl, Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs, anlässlich der kfbö-Sommerstudientagung am 20. Juli: „Auf der Grundlage feministischer Theologien und einer feministischen Ökonomie fordern wir eine radikale Kehrtwende sowohl im Blick auf Geschlechterzuschreibungen als auch was den Umgang mit der Natur angeht.“  Bei der online-Tagung beschäftigen sich kfb-Frauen aus ganz Österreich unter dem Titel „WomEn are the change“ mit „Corona als Prüfstein für Geschlechtergerechtigkeit und Systemwandel“.  Gegenwärtige, durch Corona verstärkt sichtbar gewordene Schieflagen sowie notwendige Strategien hin zu einem „guten Leben für alle“ diskutieren bei der Tagung mit den kfb-Frauen die feministische Ökonomin Katharina Mader, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für heterodoxe Ökonomie der Universität Wien sowie der Referentin in der Frauenabteilung der Arbeiterkammer, und die feministische Theologin Aurica Jax, Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz.

Corona habe dazu geführt, dass die unbezahlte Sorge-Arbeit von Frauen „extrem gestiegen“ sei, so die feministische Ökonomin Katharina Mader. Die Pandemie habe Frauen mehrfach betroffen: „Frauen haben Erwerbsarbeit verloren oder wegen anstehender Betreuungsaufgaben reduziert und haben damit Einbußen bei der Existenzsicherung erlitten. Sie hatten viel zu viel Arbeit in ‚systemrelevanten‘ Berufen, die niedrig entlohnt sind und schlechte Arbeitsbedingungen aufweisen, und sind dafür lediglich beklatscht worden. Sie sind als Frauen im home office in Verbindung mit Kinderbetreuung  unsichtbar geworden im Erwerbsleben – sie waren die, die nicht jede Videokonferenz mitmachen konnten, die nicht zuerst im Büro zurück waren.“ Corona sei ein „reality-check“ für die Bewertung und die Verteilung von Arbeit zwischen den Geschlechtern gewesen.

Jetzt investieren in ein „gutes Leben für alle“

Jetzt gelte es, massiv zu investieren in ein „gutes Leben für alle“: „Klassisch feministische Forderungen sind jetzt relevanter denn je: Gleichstellung- und Frauenpolitik dürfen keine Luxusmaterie sein, sondern müssen als Querschnittsmaterie bei allen Entscheidungen betrachtet werden“, so Mader. Es brauche Investitionen in Bildung, Elementarpädagogik und Pflege, um Frauen zu entlasten und neue, qualitative Arbeitsplätze zu schaffen. Arbeit, unbezahlte wie bezahlte, müsse geschlechtergerecht verteilt werden: „Und im Bereich der Daseinsvorsorge gilt es ganz neu zu denken: was kann in bezahlte Erwerbsarbeit umgewandelt werden, was bisher unbezahlt gemacht wurde?“ Außerdem sei die Gleichstellungsfrage nicht getrennt von der Klimafrage zu beantworten, ein Blick in den Süden der Welt etwa zeige, wie stark Frauen vom Klimawandel betroffen seien. Abgebildet seien diese Analysen und Forderungen u.a. in der Agenda der Initiative „Mehr für Care“ (www.fairsorgen.at), so Mader, mit der sich die kfbö im Verbund mit weiteren Frauenorganisationen bereits aufgemacht habe, das „gute Leben für alle“ nachdrücklich zu verfolgen.

Sorge als Aufgabe aller Geschlechter

Dass auch in immer weniger christlich geprägten Gesellschaften Frauen den weit überwiegenden Teil der privaten wie beruflichen Sorge-Arbeit übernehmen, liegt nach Ansicht der feministischen Theologin Aurica Jax in kulturellen, aus dem Christentum rührenden Zuschreibungen begründet, die insbesondere im Katholizismus über Jahrhunderte zementiert wurden: „Z.B. ein männlicher Herrschergott versus Maria als Rollenmodell für das ‚dienende Geschlecht‘“. Feministische Kritik habe dieses Rollenmuster analysiert und kritisiert sowie Alternativen entwickelt, die „zunehmend zum Allgemeingut werden: vielfältige Gottesbilder, Maria als aktive Prophetin, die Entdeckung der ‚starken Frauen‘ in der Bibel und der Kirchengeschichte“. Heute deskonstruierten feministische Theologien weit darüber hinaus auch „die vermeintliche Binarität von Geschlecht als Basis einer geschlechtsspezifischen Aufgabenverteilung in Gesellschaft und Kirche“. Und auch Jax verweist auf den Konnex von Klima- und Geschlechtergerechtigkeit: „Die ökologische Katastrophe lässt sich mit tief sitzenden Vorstellungen erklären, die mit den genannten Geschlechterzuschreibungen verbunden sind: gegen die ‚Herrschaft über die Natur‘ als falsch verstandene Stärke setzen ökologische Theologien die Verwobenheit allen Lebens miteinander und die Sorge als Aufgabe aller Geschlechter.“

Die Inputs von Katharina Mader und Aurica Jax bei der kfbö-Sommerstudientagung werden auf der homepage der kfbö abrufbar sein.