Gastbeitrag von Kerstin Rudolf, Lebensgroß

Rund 1.600 Mitarbeiter:innen begleiten bei LebensGroß rund 5.500 Menschen mit und ohne Behinderungen, Kinder, Familien, Jugendliche, Menschen mit Hürden am Arbeitsmarkt, Menschen mit psychischen Erkrankungen und viele mehr. Wir bieten Dienstleistungen in unterschiedlichen Einrichtungen an: Wohnen, Arbeit, Tagesbegleitung, Therapie, Beratung, ….

Im Innovationsnetzwerk zur Entlastung pflegender Angehöriger testet Lebensgroß den Einsatz digitaler Medien zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen zu Themen rund um die Betreuung zu Hause. Es handelt sich dabei Großteils um Apps für Smartphones. Einzelne Anwendungen können aber auch über den Browser verwendet werden (z.b. Podcast).

Pflegende Angehörige

In Österreich gibt es rund 950.000 pflegende Angehörige, die eine sehr heterogene Gruppe darstellen. 73% davon sind Frauen, etwa 43.000 sind „Young Carers“, also Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die Angehörige betreuen.

Die Anwendung digitaler Medien bietet Vorteile (Unterstützung bei der Bürokratie, Vernetzung, stundweise Entlastung), bringt aber auch Risiken mit sich, etwa in Bezug auf Datenschutz, Zugänglichkeit oder steigende soziale Isolation.

Eine Besonderheit dieser Angebote ist es, dass die pflegenden Angehörigen die unmittelbare Zielgruppe sind, während viele Maßnahmen die zu pflegenden Personen im Fokus haben.

Anwendungsfelder

Alles Clara ist eine kostenfreie App, mit der pflegende Angehörige mit Online-Berater:innen in Kontakt treten können. Diese beantworten ihnen Fragen und geben Hilfestellung. Die Berater:innen stammen aus den Bereichen Pflege und Psychologie. Man befindet sich in einem geschützten digitalen Beratungsraum, Informationen und Daten bleiben zwischen dem Ratsuchenden und den Berater:innen. Alles Clara – Die App, die Pflegen leichter macht.

Im Podcast „Pflegende Eltern Lebensgeschichten“ stehen pflegende Eltern im Mittelpunkt. In persönlichen Gesprächen reden sie über Veränderungen, Ängste und die Liebe, die ihnen hilft, den kräftezehrenden, aber auch hoffnungsvollen und schönen Alltag zu meistern. Diese Geschichten erzählen von besonderen Zugängen zum Leben. Der Podcast soll einen zeit-/ortsunabhängigen Austausch mit Gleichgesinnten ermöglichen, ohne den klassischen Charakter von Selbsthilfe-Gruppen. Gleichzeitig soll der Podcast zu einer Sensibilisierung der Gesellschaft beitragen.

Es gibt schon eine Vielzahl an Apps und Plattformen, die Unterstützung für die Koordination von Pflegeaufgaben zur Verfügung stellen. LICA Home ist z.b. eine kostenlose Web-App für die Betreuung und Pflege zu Hause, mit der wichtige Informationen dokumentiert und verwaltet werden können. LICA gibt dabei eine hilfreiche Struktur vor und erinnert an die wichtigsten Dinge im Alltag. Die LICA-App Pro bietet weitere Funktionen wie Aufgabenplan für Vitalparameter und Pflegetätigkeiten, Pflegegeldberechnung und Aufgabenteilung mit weiteren Betreuenden.

Ebenfalls gibt es schon einige digitale Anwendungen, die dabei helfen Ersatzpflege bzw. anderen Unterstützungsleistungen finden. Die Herzens-App ist eine Anwendung, bei der man 24-Std.-Betreuungspersonen und Pflegepersonen je nach Bedarf suchen, beauftragen und auch abrechnen kann. Die App bietet für Angehörige die Möglichkeiten die passende Agentur zu finden, hat eine Chatfunktion mit den Betreuer:innen integriert und gibt Einblick in die Pflegeprotokolle. Die App ist für Angehörige kostenlos.

Die HELDYN-Plattform in Wien bietet für Angehörige die Möglichkeit telefonisch oder über ein Kontaktformular einfach Pflege, Betreuung und Therapie (Ergo, Physio) für zuhause zu buchen. Das Service steht an 7 Tagen die Woche zur Verfügung und wenn notwendig ist noch am selben Tag innerhalb 3 Stunden die notwendige Dienstleistung vor Ort.

Die kostenlose Young-Carers-App aus Österreich möchte speziell jungen pflegenden Angehörigen Unterstützung bieten. Die App wurde vom Sozialministerium gemeinsam mit Partnern ins Leben gerufen und bietet eine Zusammenfassung der Angebote und finanzieller Unterstützungsmöglichkeiten öffentlicher Stellen für junge pflegende Angehörige in Österreich. Alle Inhalte der App sind auch über die gleichnamige Website verfügbar.

Aber auch Apps aus anderen Ländern wie z.b. Deutschland können nützlich sein, wenn auch nicht alle Funktionen für Österreich zur Verfügung stehen. Die Pflegeleicht-App Nui unterstützt pflegende Angehörige z.B. mit Funktionen wie dem Pflegeplan (Schritt für Schritt Unterstützung im Alltag), dem Pflegebericht, der Organisation von Terminen, Ratgeber und Expertenkontakt, Musteranträge und Checklisten, Chat-Funktion mit anderen in die Pflege beteiligte Personen und vieles mehr. Die Nui-App wurde auch in einer Studie evaluiert und ein Mehrwert und eine Entlastung durch die App wurde v. a. zu Beginn einer Pflegesituation gesehen. Einige Funktionen sind noch nicht integriert, wären aber wünschenswert, wie z. B. regionale Informationen oder individuelle Anpassungen. Derzeit steht die App in Deutschland allen Kunden der AOK Bayern und Allianz Private Krankenversicherung kostenlos zur Verfügung.

Anbieter und Kosten

Sind die Anwendungen kostenpflichtig müssen in Österreich derzeit die Nutzer*innen die Kosten meist selbst tragen. Einzelne Zusatzversicherung (Merkur, UNIQA) haben manche Apps bereits in ihre Leistungen aufgenommen und stellen sie den Versicherten zur Verfügung. Hier empfiehlt sich ein Beratungsgespräch mit dem/der eigenen Versicherungsberater:in, um sich über die Möglichkeiten zu informieren. Außerdem empfiehlt sich immer bei der eigenen Krankenversicherung, dem Sozialministeriumservice und auch beim Anbieter der digitalen Anwendung direkt nachzufragen, welche Möglichkeiten für eine Zuzahlung/Förderung es für die Leistung gibt – es ist zwar mühsam und langwierig, aber zahlt sich oft aus. Bei Anwendungen wie der Herzens-App oder HELDYN können die online-gebuchten Leistungen (Hausbesuch, 24-Betreuung, …) über das Sozialministeriumservice mit den bekannten Förderungen verrechnet werden. Einige Anwendung wie z.B. Alles Clara oder die Young Carer App sind kostenlose Angebote. Die Kosten für Anwendungen sind meist monatliche Abos (zwischen 15-20€) bzw. es wird die jeweilige Leistung (Hausbesuch, 24-Betreuung, …) verrechnet.

In Deutschland gibt es mittlerweile ein System, mit dem digitale Anwendungen, die ein Zulassungsverfahren durchlaufen sind, „auf Rezept“ verordnet werden können und somit auch die Kosten übernommen werden (Digitale Pflegeanwendungen), Digitale Gesundheitsanwendungen: In Österreich wird ein ähnliches System gerade vorbereitet.

Bei vielen der Anbieter handelt es sich um Startups, und wir haben es hier mit einem schnell veränderlichen Markt zu tun. Neue Anwendungen kommen dazu, andere werden nicht weiter verfolgt – kleine Unternehmen und Jungunternehmer schaffen oft den Übergang von Förderungen in die freie Marktwirtschaft nicht und verschwinden wieder. Es ist oft sehr schwer den Überblick zu behalten, welche Anwendungen gute Qualität bieten. Leider gibt es auch keine öffentlichen Beratungsstellen, an die man sich mit solchen Anliegen wenden kann. Die Hoffnung ist, dass es nach dem Vorbild Deutschland auch in Österreich bald ein Zulassungsverfahren gibt und somit dann ein besser Zugang und Überblick zu relevanten und qualitätsvollen Anwendungen gibt.

Welche Personen nutzen die Apps?

Apps und andere digitale Anwendungen für pflegende Angehörige sprechen vor allem die Altersgruppen 40-60 Jährige an, die in ihrem Alltag auch schon div. digitalen Anwendungen verwenden. Zugänglich sind sie aber natürlich allen Personen, auch wenn diese schon älter sind. Voraussetzung ist eine digitales Grundverständnis bzw. Interesse. Speziell Apps wie die für Young Carer sind auch dezidiert an Jugendliche gerichtet.

Fazit und Rahmenbedingungen

Politische Implikationen & systemische Verankerung:

Um digitale Anwendungen auch nachhaltig und sinnvoll im System zu verankern, müssen zwei grundlegende Aspekte erfüllt sein:

  • Die einheitliche Zulassungsverfahren, damit für Nutzer:innen sichergestellt ist, dass die Apps/Anwendungen eine gute Qualität und Verlässlichkeit mit sich bringen.
  • Die Finanzierung dieser Anwendung durch öffentliche Stelle bzw. Teilfinanzierung, damit sie für alle leistbar und zugänglich sind.

Derzeit sind Maßnahmen häufig an Vorgaben gekoppelt, die nicht dem Alltag von pflegenden Angehörigen entsprechen (Pflegestufen, Regionale Unterschiede, ….). Die Herausforderung bei bisherigen Unterstützungsleistungen ist häufig, dass Leistungen an Pflegegeld-Stufen gekoppelt sind (z.b. Sozialversicherungslösungen greifen erst ab Pflegegeldstufe 3). Diverse Anstellungsformate für pflegende Angehörige werden erst als Piloten getestet und sind häufig noch wenig ausgereift (Stundenausmaß/Überstunden/Ruhezeiten, Umschichtung Pflegegeld, Haftung/Qualität,, …) und sind beispielsweise für einzelne Gruppen von pflegenden Angehörigen, wie pflegende Eltern, nicht zugänglich.

Flexibel auf die Lebenslage der Personen einzugehen, ist bei Unterstützungsmaßnahmen (finanzielle, digitale, usw.) wesentlich. Für die Zielgruppe der pflegenden Angehörigen sind oft flexible, stundenweise Leistungen, die ad-hoc bzw. on demand abgefragt werden können, wesentlich. Herausfordernd ist auch der Föderalismus, der Unterschiede in den Leistungen in den Bundesländern entstehen lässt.

Die Förderung technologischer Innovationen in der Pflege und zur Unterstützung von Pflegenden müssen noch stärker in Regierungsprogrammen und in weiterer Folge auch in die Umsetzung.

Zukünftige Perspektiven

Die Vielfalt der Angebote ist mittlerweile schon so groß, dass es für Angehörige schwer ist, den Überblick zu wahren bzw. am Ende nicht für jeden Teilaspekt der Betreuung ein eigene App zu haben. Es ist wichtig, dass bereits bestehende digitale Anwendungen mit integriert werden (z.b. ELGA).

In diesen Aspekten zahlt es sich aus, den Blick auf andere Länder wie Dänemark, Schweden oder auch Deutschland zu richten. In diesen Ländern werden Apps z.b. auch als unterstützende Mittel für die Begleitung und Betreuung von pflegebedürftigen Menschen gesehen und daher auch ähnlich wie andere Hilfsmittel (teil)finanziert.

Personenzentrierung

In der Gestaltung von Unterstütztungsangeboten müssen wir auch unseren Blickwinkel ändern. Es geht vielmehr um die Stärkung der Person, als um Entlastung. Personen wollen gehört, als Mensch in all seinen Facetten und Aspekten des Alltags (Beruf, Care, Freizeit, …) und nicht nur auf die Pflegetätigkeit reduziert betrachtet werden.

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Die Präsentation von Kerstin Rudolf kann hier heruntergeladen werden (pdf).