Franziska Wurm,  Februar 2026

Wien gilt schon lange als eine der lebenswertesten Städte der Welt. Diese Lebensqualität wird meist an messbaren Faktoren festgemacht – an Infrastruktur, Wohnraum, Sicherheit, Mobilität oder kulturellem Angebot. All das ist wichtig. Jedoch erzählen diese Kriterien nur einen Teil der Geschichte. Wer genauer hinschaut, erkennt ein zentrales Fundament, das meist im Schatten bleibt. Kochen, pflegen, zuhören, organisieren, Kinder erziehen, die Wohnung sauber halten – Tätigkeiten wie diese sind der Motor, der Wiens hohe Lebensqualität möglich macht. Und doch werden sie systematisch unsichtbar gemacht, privatisiert und vor allem meist unbezahlt an Frauen ausgelagert.

In meiner Masterarbeit habe ich untersucht, ob in Wien ein anderes Szenario vorstellbar ist. Eines, in dem Care als zentrale moralische, politische und demokratische Frage behandelt wird. Auf meiner Suche bin ich bei einem Ansatz gelandet, der eine solche Utopie nicht nur denkbar, sondern überraschend realistisch erscheinen lässt: die Care Commons, die eine gemeinschaftliche und solidarische Organisation von Sorgearbeit versprechen. Dabei geht es nicht um den Ersatz professioneller Pflegeleistungen des Sozialstaats, sondern um Dinge, die überwiegend informell innerhalb von Familien geleistet werden.

Theoretischer Einblick: Was sind Care Commons überhaupt?

Care Commons sind gemeinschaftlich organisierte Formen von Sorgearbeit, die sich jenseits von Marktlogik, familiärem Kontext und rein staatlicher Organisation bewegen.  Der Begriff Commons kommt ursprünglich aus der Forschung zu natürlichen Rohstoffen und beschreibt Ressourcen, die von allen gemeinsam genutzt und gepflegt werden. Care Commons übertragen dieses Konzept auf Sorgearbeit: Hier organisieren sorgende Gemeinschaften Pflege, Betreuung und Unterstützung, statt dass diese Last auf Einzelpersonen, Familien oder den Markt abgewälzt wird.

Care als moralische und demokratische Frage

Die Philosophin Joan Tronto liefert mit der Care-Ethik und dem Konzept der Caring Democracy zwei zentrale theoretische Grundlagen für mein Verständnis der Care Commons. Ausgangspunkt ist ein relationales Menschenbild: Alle Menschen sind grundsätzlich verletzlich und ihr ganzes Leben lang aufeinander angewiesen. Sorge ist damit keine Ausnahmehandlung für bestimmte Lebensphasen wie Kindheit, Krankheit oder Alter. Sorgearbeit bildet das Fundament gesellschaftlichen Zusammenlebens. Eine Gesellschaft, die Care marginalisiert oder unsichtbar macht, verkennt damit ihre eigene Grundlage.

Über diese moralische Dimension hinaus beschreibt Joan Tronto Care explizit als politische Frage. In ihrem Konzept der Caring Democracy ist eine Gesellschaft nur dann wirklich demokratisch, wenn sie kollektiv darüber verhandelt, wie Sorgearbeit verteilt wird. Es geht dabei nicht darum, dass alle Menschen gleich viel Care-Arbeit leisten müssen. Entscheidend ist vielmehr, dass Verantwortlichkeiten nicht stillschweigend entlang von Geschlechterrollen, familiären Erwartungen oder sozialen Hierarchien zugewiesen werden. Aufbauend auf diesen Ideen machen Care Commons also sichtbar, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, und dass genau darin eine kollektive Stärke liegt.

Care Commons in der städtischen Praxis

Doch wie sehen diese Ideen aus, wenn sie den Weg aus der Theorie in den Alltag finden? In meiner Masterarbeit habe ich mir zum Ziel gesetzt, die Care Commons in einem konkreten Kontext zu untersuchen. Städte sind oft Ausgangspunkte demokratischer Bewegungen und fungieren als Experimentierraum für Transformation. Im urbanen Raum treffen Alltagsprobleme, soziale Ungleichheiten und kollektive Interessen unmittelbar aufeinander. Wien ist hier ein besonders interessantes Beispiel: die sozialdemokratische Geschichte hat eine dichte öffentliche Infrastruktur hervorgebracht, die als Grundlage für den Aufbau sorgender Gemeinschaften dienen kann.

Schaut man sich an, in welchen Kontexten Care Commons tragfähig sind, wird klar, dass Gemeinschaft nur funktioniert, wenn Care-Arbeit bewusst gestaltet ist, und auf Vertrauen und Verbindungen beruht. Gemeinschaft bedeutet dabei nicht nur Harmonie, sondern erfordert gezielte Beziehungsarbeit, und damit Zeit, Verantwortung und auch Konflikte. Interessanterweise entstehen sorgende Gemeinschaften in Wien oft genau dort, wo institutionelle Systeme an ihre Grenzen stoßen. Sie schließen diese Lücken, indem sie flexibel, niedrigschwellig und bedarfsorientiert handeln.

Feministische Care-Arbeit braucht Zeit und Raum

Da sie abseits von klischeebehafteten Strukturen bestehen, haben sorgende Gemeinschaften großes Potenzial, Stereotypen und Rollen aufzubrechen. Viele dieser Initiativen holen daher aktiv Männer und Personen, denen Care-Arbeit nicht typsicherweise zugewiesen wird, ins Boot und laden sie zum gegenseitigen Zuhören und Mitmachen ein. Denn viele feministische Theorien zeigen: alle Menschen sind grundsätzlich kooperativ und besitzen die Fähigkeit zu sorgen.

Dennoch sind sorgende Gemeinschaften kein Garant für Geschlechtergerechtigkeit. Es scheint, dass auch in gemeinschaftlichen Strukturen häufig Frauen mehr emotionale und organisatorische Arbeit leisten. Doch gerade deshalb sind Care Commons auch aus feministischer Perspektive so relevant. Sie bieten Räume, in denen diese Ungleichheiten sichtbar und verhandelbar werden. Der Caring Democracy Ansatz zwingt dazu, Machtverhältnisse bewusst zu reflektieren. Feministische Care Commons entstehen daher nicht von selbst, sondern müssen aktiv gestaltet werden.

Doch eine solche aktive Gestaltung erfordert bestimmte Rahmenbedingungen. Um den Aufbau von Care Commons überhaupt möglich zu machen, ist daher vor allem die Frage nach dem Raum zentral. In Wien sind vor allem Innenhöfe, Gemeinschaftsräume in Gemeindebauten oder Grätzlzentren – also mietfreie, zugängliche und beheizte Orte – keine netten Extras, sondern soziale Infrastruktur. Die Stadt oder andere öffentliche Institutionen spielen hier eine zentrale Rolle: Sie können Räume bereitstellen, in denen niederschwellige Begegnung und gegenseitige Unterstützung überhaupt erst möglich werden.

Im Spannungsfeld zwischen Sorge und Systemzwang

Trotz ihres Potenzials stehen Care Commons unter enormem Druck. Viele Initiativen sind abhängig von freiwilligem Engagement, unsicheren finanziellen Förderungen und der Einbettung in institutionelle Systeme. Sorgende Gemeinschaften bewegen sich in einem Spannungsfeld: Einerseits brauchen sie öffentliche Mittel, andererseits zwingt projektbasierte Förderung sie in Logiken von Effizienz und zeitlicher Befristung. So begrenzen vor allem Zeitmangel und ökonomische Zwänge die Handlungsfähigkeit sorgender Gemeinschaften.

Außerdem zeigt sich auch eine grundlegende Herausforderung, die in der Natur von Care selbst liegt. Sorgearbeit ist von Vulnerabilität, Vergänglichkeit und oft auch von schwierigen, emotional belastenden Situationen geprägt. Sie folgt keiner linearen Logik, ist nicht immer planbar und beruht nicht zwangsläufig auf Gegenseitigkeit. In sorgenden Gemeinschaften bedeutet das, mit Abhängigkeiten und Grenzen umzugehen und auszuhalten, dass Geben und Nehmen nicht immer ausbalanciert sind.

Eine Stadt, die Sorge ins Zentrum stellt?

Trotz aller Schwierigkeiten glaube ich an das Potenzial von Care Commons: was sie so auszeichnet, ist die Kombination aus wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Hebeln.  Sie verteilen Sorgearbeit demokratisch neu, machen Care sichtbar und stellen tradierte Rollen und Zuständigkeiten grundlegend infrage. Indem Sorge aus dem unsichtbaren privaten Raum in gemeinschaftliche Strukturen rückt, entsteht eine Grundlage für politische Anerkennung, bessere Arbeitsbedingungen und eine Stadt, die Care ins Zentrum ihres Funktionierens stellt. Sorgende Gemeinschaften machen erfahrbar, dass Menschen gemeinsam wirksam sein können, sodass Care eine gelebte Form von Demokratie wird.

Eine sorgezentrierte Stadt wie Wien steht daher vor der politischen Aufgabe, neue Förderlogiken zu entwickeln, die Kontinuität, Beziehungspflege und Prozesshaftigkeit anerkennen – etwa durch Basisfinanzierungen, Raumüberlassungen oder langfristige Kooperationsmodelle. Für Wien bedeutet das konkret: Sorge muss als Querschnittsthema in Stadtplanung, Wohnbau, Förderpolitik und Demokratieentwicklung verankert werden. Gemeinschaftlichkeit wird so zum Gegenmodell neoliberaler Vereinzelung, nicht als Rückzug ins Private, sondern als kollektives, politisches Projekt einer sorgenden Stadt. So bleibt Lebensqualität nicht nur ein Schlagwort, sondern beschreibt das, was Städte wirklich sind: Orte der gegenseitigen Unterstützung, der Solidarität und des gemeinsamen Aufblühens.