Eine Indiziensuche mit dem Blick auf die Verteilung unbezahlter Arbeit in Zeiten eines radikaler werdenden Wandels der Arbeitswelt insgesamt.

von Katharina Magdalena Pepper basierend auf ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Männer, Unbezahlte Arbeit und die Reduktion der Normalarbeitszeit – Welchen Einfluss hat eine Reduktion der Normalarbeitszeit auf die Beteiligung von Männern in unbezahlter Arbeit und warum sind Gender Ideologien relevant?“

Es ist in den vergangenen Jahrzehnten hinreichend beforscht und zur endlos bestätigten Binsenweisheit geworden: Trotz des anfangs revolutionären Ausbruchs der Frau aus dem Gefängnis der 3 K – Kinder-Küche-Kabinett – und des damit einhergehenden mindestens gleichermaßen revolutionären Einbruchs derselben in die maskulin dominierte Welt der „echten“ (weil bezahlten) Arbeit hat sich damit kein Automatismus einer quasi linearen Umverteilung auch der Arbeitslast im Bereich der unbezahlten Care- und Hausarbeit etabliert. Hier scheint der Drive der Gender Revolution deutlich an Schwung verloren zu haben und Frauen in Österreich und vielen anderen Ländern Europas scheinen immer noch zumindest eines der 3 K am metaphorischen Bein hängen zu haben, mit dem sich auch trefflich begründen lässt, warum Frau dann doch immer noch signifikant im Arbeitsmarkt benachteiligt ist.

Der gender-revolutionär erst-geläuterte moderne Mann leistet nunmehr ohnehin seinen Beitrag, unternimmt mit den Kindern den einen oder anderen Ausflug, kauft ein, was ihm aufgetragen (und nicht vergessen) wurde, oder nimmt – weil technikaffin – dann doch ab und an die Bohrmaschine, den Staubsauger oder Rasenmäher in die Hand. Sogar das Badezimmer zu putzen und zu kochen sind ihm nicht mehr fremd. Die Verantwortung für all das trägt jedoch SIE, weshalb es IHM auch nicht schwer fällt, die Tätigkeiten in unbezahlter Arbeit seinen Vorlieben, seinem Können und seinen ja ohnehin recht eingeschränkten Zeitressourcen – weil Vollzeitjob! – entsprechend auszuwählen. An diesem funktionierenden System etwas ändern, mehr Aufgaben oder gar Verantwortung übernehmen? Warum? „Mann“ tut was „Mann“ eben kann (und möchte). Sowieso sind ohnehin alle zufrieden, oder?

Zugleich bröckelt das Zeitbild von der mindestens 40 Stunden Woche an allen Enden. Immer mehr Unternehmen und sogar manch europäischer Staat reagieren in Anerkennung der sozialpolitischen und technischen Entwicklungen mit einer kontinuierlichen und teilweise sogar radikalen Verkürzung der Normalarbeitszeit. Und so kann es passieren, dass der arbeitende Mann ganz unversehens und ohne eigenes Zutun mit einem Pouvoir an wöchentlich verfügbarer Zeit ausgestattet wird.

Meine Masterarbeit richtet ihren Blick auf die Auswirkungen genau dieser Dynamik und geht der Frage nach: „Was ändert eine plötzliche Verfügbarkeit von Zeit für den Mann an der Verteilung der Arbeitslast in Care- und Haushaltsthemen und insbesondere an der Rolle, die Männer in diesen Arbeitsbereichen einnehmen?“

In aller Kürze: „Nicht sonderlich viel.“ Obwohl Frauen Teilzeit meist wählen, um ihren Verpflichtungen in Haushalt und Familie nachkommen zu können, scheint solch eine unverhoffte Chance an verfügbarer Zeit bei Männern nur wenig desselben Tatendrangs hervorzubringen. Warum?

Menschen handeln nicht auf Basis rationaler Überlegungen, die kühl die verfügbaren Zeitressourcen beider Parteien abwägen und sodann die zu erledigenden Tätigkeiten effizient und fair aufteilen. Unbezahlte Haus- und Care-Arbeit ist zutiefst behaftet mit Gender Ideologien, die scheinbar noch weitverbreitete traditionelle Rollenbilder in sich tragen.

Die Pandemie sowie die Ergebnisse meiner qualitativen Studie zeigen: eine Verhaltensänderung in diesem Bereich benötigt vermutlich längere Zeit und wird gebremst durch zugrundeliegenden Gender Ideologien, nach denen die Individuen ihre Handlungen ausrichten. So wird ein Mann, der an eine genetisch dem weiblichen Geschlecht gegebene erhöhte Fürsorglichkeit und zugleich an einen typisch weiblichen Sinn für (in seinen Augen übertriebene) Reinlichkeit glaubt, ungeachtet der ihm verfügbaren Zeitressourcen wenig Anlass finden, zunehmend Tätigkeiten zu übernehmen, welche ohnehin seiner Partnerin quasi in den Schoß fallen.

Während unterschiedliche arbeits- und sozialpolitische Maßnahmen, darunter auch eine Reduktion der Normalarbeitszeit, den Handlungsspielraum von Individuen erweitern und ihnen die Chance geben gender-gerechtere Aufteilungen von bezahlter und unbezahlter Arbeit zu finden, müssen stark verankerte traditionelle Bilder in den Gender Ideologien viel stärker in den Blick genommen werden. Denn – wie fälschlich in vielen der marktbasierten politischen Überlegungen angenommen – suchen Menschen nicht einfach nach den effizientesten Lösungen für die Bewältigung der Aufgaben des Alltag, sondern manifestieren in ihrem Verhalten, was ihre Ideologie für richtig hält. Was tun? Genau hinhören und das Problem beim Namen nennen. Denn die gute Nachricht lautet: Gender Ideologien können beeinflusst werden, durch das soziale Umfeld, den Partner und die Entwicklung von Gender Normen in der Gesellschaft als Ganzes.